Ist Yoga egoistisch?

Ist Yoga egoistisch?

Vor einigen Monaten habe ich einen Freund zum ersten Mal zum Yoga geschleppt. Sein Fazit danach: Yoga ist ein egoistischer „Sport“. Finde ich nicht! Warum? Das lest du heute.

90min ganz für dich selbst

Im ersten Moment mag es tatsächlich so aussehen, als wäre Yoga ein sehr egozentrischer Sport – ich verwende das Wort mal weiter, auch wenn Yoga eigentlich kein Sport ist. Warum ist das so? Wir üben alleine auf einer Matte, wir sprechen nicht miteinander, wir sprechen auch nicht wirklich mit dem Lehrer, und hauptsächlich geht es darum, uns auf uns selbst zu besinnen. 90min ganz für sich selbst. Aber wie bei allem im Yoga sollte man sich nicht auf den ersten Eindruck verlassen, denn hinter den 90min mit sich ganz alleine steckt noch viel mehr.

Die Erlaubnis, sich Zeit für sich selbst zu nehmen

Für viele von uns sind 90min ein sehr langer Zeitraum, den sie sich im Alltag nicht oft einfach so rausnehmen können. Die meisten Menschen arbeiten rund 40h die Woche, haben auch noch Freunde, Familie, um den Haushalt muss man sich auch noch kümmern. Täglich 90min (oder auch schon 30min) für Yoga scheinen dann doch ganz schön lang. Aber worum geht es hier eigentlich? Die Erlaubnis sich 90min für sich selbst zu reservieren. Sich zu erlauben, dass man sich in dieser Zeit um nichts anderes kümmern muss – kein Job, keine Familie, keine Freunde.

Nicht jeder schätzt sich selbst als so wertvoll ein mehrmals die Woche oder gar täglich einen gewissen Zeitraum nur für sich selbst aufzuheben. Die To Do Listen werden länger, und man will ja auch wirklich nicht egoistisch rüberkommen. Den Freundinnen schon wieder sagen müssen „sorry, me-time – kann heute nicht!“. Wer es aber doch wagt, ab und zu die eine soziale Verpflichtung abzusagen und für sich selbst einzustehen, der stärkt seinen Selbstwert, und nicht seinen Egoismus.

Egoismus

Egoismus steht für Ichbezogenheit, und bedeutet, dass wir uns nur mehr um uns selbst kümmern. Auch im Yoga gibt es dafür einen Ausdruck: das Ahamkara. Das Ahamkara sitzt im Verstand und sorgt dafür, dass wir unterscheiden können, was zu uns gehört und was nicht. Und auch das Ahamkara hat einen positiven Nutzen, denn ein zu schwaches Ahamkara führt zu niedrigem Selbstbewusstsein und fehlender Durchsetzungsfähigkeit. Und wie gerade erwähnt: Egoismus bedeutet, dass wir uns ausschließlich um uns selbst kümmern. Aber prozentuell betrachtet sind 90min zweimal die Woche auch gar nicht so viel – gerade mal 5%. Von so viel me-time sprechen wir hier also noch gar nicht.

Und worum geht es bei dieser me-time?

Mal abgesehen davon, dass 5% me-time die Woche nicht viel sind, sieht Yoga an sich noch immer egoistisch aus. Aber worum geht es eigentlich in dieser Zeit, in der wir die Verbindung zu uns selbst suchen, zurück zu unserer Mitte finden? Es geht darum, dass wir auch die lang ersehnte Verbindung zu anderen wieder finden. Im Zeitalter des Smartphones findet der meiste Austausch nur mehr auf Whatsapp, Instagram & Co statt. Richtig tiefe Unterhaltungen haben wir nicht mehr ganz so oft, und fällt uns auch gar nicht mehr so leicht.

Die Herausforderungen des Privatlebens machen es nicht einfacher. Zurückweisungen, Streit, Verletzungen führen dazu dass wir unser Herz noch weiter verschließen – wir wollen gar keine Verbindung mehr mit anderen. Sind nicht mehr bereit uns verletzlich zu zeigen, unser wahres Ich zu offenbaren.

Und genau da setzt Yoga an. Denn beim Yoga lernen wir auf achtsame Weise uns wieder zu öffnen. Wir lernen mit unseren Gefühlen umzugehen. Wir stellen auf der Matte fest, dass alles da sein darf. Und wie schön das Leben mit seinem kompletten Gefühlsspektrum ist. Wir haben wieder Mitgefühl für uns selbst, und auch für andere. Wir kümmern uns um uns selbst, und sind so auch wieder offen für tiefe Verbindungen abseits der Matte.

Denn Selbstfürsorge ist auch eine Grundlage für das Zusammenleben mit unseren Mitmenschen. Wenn wir selbst im Frieden mit uns sind, behandeln wir auch andere Menschen mit dieser inneren Einstellungen. Wir sind zufriedener, kraftvoller und können so auch unsere Mitmenschen wieder dabei unterstützen, in ihre Kraft zu kommen.

Yamas und unser Verhalten

Beim achtgliedrigen Pfad des Ashtanga Yoga gibt es die Yamas, welche eigentlich die Voraussetzung aller sieben Schritte danach sind. Die Yamas behandeln ausschließlich unser Verhalten gegenüber der Außenwelt, darunter ist zum Beispiel Ahimsa – Gewaltlosigkeit, Satya – Wahrheit, oder Asteya – nicht Stehlen. Alles Verhaltensregeln, die zeigen, dass das liebevolle Miteinander beim Yoga großgeschrieben wird. Und auch wenn bei der körperlichen Praxis nicht immer auf direkte Weise die Yamas vermittelt werden, so lernen wir auf subtile Weise auch hier dass Beziehungen mit anderen als Grundlage für persönlichen und spirituellen Wachstum dienen.

Yoga & Egoismus für mich

Auf der Matte lerne ich mich selbst so anzunehmen wie ich bin, im Hier und Jetzt alles so wie es ist zu akzeptieren. Ich lernen mit meinen eigenen Auf und Abs umzugehen, und auch in den schwierigen Zeiten Mitgefühl mit mir zu haben. Und obwohl ich erstmal nur von mir selbst spreche, so hat mich diese Achtsamkeit zu einem offeneren, wertfreieren Menschen gemacht hat. Es hat mich gelehrt, auch andere Menschen so anzunehmen wie sie sind und sie wertzuschätzen. Anderen keine Ratschläge zu geben, wie sie sich „verbessern“ können, sondern in schwierigen Situationen für sie da zu sein und einfach nur mit voller Aufmerksamkeit zuzuhören. Yoga lehrt mich also genau das Gegenteil von Egoismus, sondern ehrliches Mitgefühl und Verständnis für andere Menschen zu haben und achtsam mit ihnen umzugehen.

Wie sind eure Gedanken zu Yoga und Egoismus? Ich freu mich über eure Meinung als Kommentar bei Instagram!

Eure,

Herzensmensch

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