Warum ich Vipassana am fünften Tag verlassen habe

Warum ich Vipassana am fünften Tag verlassen habe

Hallo liebe Herzensmenschen,

wie du vielleicht schon weißt, war ich im Januar/Februar dieses Jahres für einen 10-tägigen Vipassana-Kurs angemeldet. Warum ich das Zentrum dann doch schon am fünften Tag verlassen habe erfährst du heute.

Was ist Vipassana eigentlich?

Da manche vielleicht noch nicht wissen, was Vipassana ist, wollte ich zuerst einmal erzählen, worum es grundsätzlich bei dieser Meditationstechnik geht.

Vipassana ist eine Meditation, in der alles so gesehen wird, wie es wirklich ist. Es geht darum, den Geist von allen Vorurteilen, Erwartungen oder Unreinheiten zu befreien. Frei von allen Meinungen im Kopf, das Hier und Jetzt so wahrzunehmen, wie es wirklich ist.

Bereits Buddha hat diese Technik angewandt und sie weitergegeben. Heute ist der bekannteste Lehrer S. N. Goenka. Goenka hat Kurse entwickelt, in denen man die Vipassana-Technik von Grund auf erlernen kann. Damit wirklich voller Fokus auf die Meditation ist, wird bei diesen Kursen geschwiegen, kein Sport gemacht, nichts gelesen und auch nichts geschrieben. Einfacher gesagt: Man macht wirklich nichts außer meditieren, essen und schlafen. Damit man mit seiner Aufmerksamkeit wirklich bei sich und im Hier und Jetzt bleibt soll sogar der Augenkontakt mit anderen Teilnehmern vermieden werden. 

Das klingt jetzt erstmal sehr extrem, soll aber dabei helfen den Geist frei von allen Ablenkungen zu halten und damit den Weg für die tiefere Meditation zu ebnen. 

Die häufigste Kursdauer ist meines Wissens nach 10 Tage. Es gibt aber auch 1, 3 oder 5 tägige Kurse. Und für besonders erfahrene Meditierende oder leidenschaftliche Vipassana-Fans auch Kurse mit über 20, 40 oder 60 Tagen.

Die Kurse finden weltweit in offiziellen Dhamma-Zentren statt, die Infos dazu findest du auf der Webseite.

Wie läuft ein Vipassana-Kurs ab?

Um dich für einen Vipassana-Kurs anzumelden, musst du online bei Anmeldung in unterschiedlichen Fragebögen deine körperliche und mentale Gesundheit bestätigen.

Obwohl der Vipassana-Kurs 10 Tage dauert, bist du insgesamt 12 Tage im Zentrum, denn am Anreisetag wird zu Beginn noch gesprochen um alle Formalitäten abzuklären. Dabei werden alle Wertgegenstände, Bücher, Handy etc. abgegeben, um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, etwas anderes als meditieren zu machen. Nach einer Einführung geht die ganze Gruppe dann offiziell in Stille und jedem wird ein Meditationskissen zugewiesen.

Ab dem offiziell ersten Tag ist der Tagesablauf dann über die 10 Tage sehr ähnlich. Hier ein Foto vom Plan in meinem Zentrum:

Vipassana
Tagesablauf im Vipassana-Kurs

Wir ihr seht, ausschlafen oder Freizeit gibt es im Vipassana-Zentrum nicht wirklich. Man beschäftigt sich voll und ganz mit der Vipassana-Meditation. Auch Essen spielt hier eine eher unwichtige Rolle. Man bekommt leichte Gerichte und Tees serviert, abends nur mehr einen Snack.

Was ging in mir vor im Vipassana?

Durch die Stille und die Zeit komplett mit mir selbst hatte ich viel Zeit nachzudenken. Auch in der Meditation kamen immer wieder neue Gedanken, Gefühle, Ideen und Emotionen hoch. Vipassana ist für mich definitiv außerhalb der Komfortzone, deshalb spielte sich in meiner Monkeymind eine dauerhafte Unterhaltung mit mir selbst ab.

„Was mach ich hier eigentlich?“

„Wozu tu ich mir diesen Scheiß an?“

„Was labert der alte Mann da am Tonband für einen Blödsinn?“

Wer sich mit anderen Vipassana Meditierenden unterhält, der weiß, dass diese Unterhaltungen relativ normal sind.

Was auch normal ist, ist, dass man Schmerzen vom Sitzen bekommt. Denn 12 Stunden im Sitzen am Boden ist zumindest für einen westlichen Po alles andere als gewohnt und gemütlich. Aber auch das gehört zum Vipassana dazu und ich habe damit gerechnet, dass das auf mich zukommt.

Warum ich nicht trotzdem die Zähne zusammengebissen habe und geblieben bin?

Die Stille und die körperlichen Schmerzen waren für mich eigentlich „gut“ aushaltbar, das wäre wahrscheinlich nach dem fünften Tag auch nicht so schnell einfacher geworden. Aber für mich hat sich der Moment, in dem ich die Meditation an sich „genieße“ nicht eingestellt. Ich weiß natürlich, dass Vipassana kein Zuckerschlecken ist, und habe jetzt keine genussvollen Meditation erwartet und easy peasy Tage, aber für mich hat sich jede Sitzung wie ein zwanghaftes Muss angefühlt. Es war, als würde ich dem Ablauf nur folgen, weil mich jemand anderes dazu zwingt. Klingt ein bisschen nach Gefängnis, und hat sich für mich in dem Moment auch so angefühlt. Von Selbstliebe war hier keine Rede, irgendwann habe ich bemerkt, dass sich die Meditation und der ganze Kurs nach einem Akt des Selbsthass anfühlt.

Dann stellte ich mir die Frage, ob ich bleibe, oder ob ich gehe.

„Na komm, die paar Tage schaffst du schon noch. Dann kannst du danach sagen: Habe 10 Tage gemacht, ist nix für mich!“ 

Jeder von uns hat einen inneren Kritiker, und meiner ist besonders gerne perfektionistisch und streng mit sich selbst. Das könnte ich besser machen, hier könnte ich mich noch mehr bemühen, dort schon wieder ein Fehler passiert – und so weiter. Beim Vipassana hätte er sich natürlich gewunschen, dass ich das jetzt einfach durchziehe. Woran ich aber in den letzten Jahren mit Yoga gearbeitet habe, setzt genau da an. Endlich dem inneren Kritiker mal keinen Glauben zu schenken. Mitgefühl mit mir selbst zu haben und anzuerkennen, was ich bereits geschafft habe. Und zu wissen, dass ich mich nicht überall durchquälen muss. Dass nicht jede Leistung hart erarbeitet und gequält sein muss, sondern dass manche Sachen im Leben auch leicht sein dürfen.

Am fünften Tag habe ich deshalb entschieden zu gehen – denn mein Ego zu befriedigen ist die Aufgabe beim Vipassana nicht. Das Vipassana war für mich ganz alleine gedacht, und nicht um danach sagen zu können, dass ich 10 Tag geschwiegen habe. Mich 10 Tage zu etwas zu etwas zwingen, das sich falsch anfühlt, ist nicht meine Vorstellung von in Harmonie mit der eigenen Intuition leben. Meinem Gefühl zu Vertrauen, dass ich gerade in einer Lebensphase bin, in der ich Freiheit genießen will und mich auf anderem Weg selbst erfahren will schon viel eher.

Mein Fazit

Für mich persönlich hat es zu diesem Zeitpunkt nicht gepasst, 10 Tage im Vipassana-Zentrum zu bleiben. Ich bin absolut froh, keine Minute länger geblieben zu sein, denn die Lehren, die ich daraus ziehen sollte, habe ich auch schon am fünften Tag mitgenommen. Ich bin auch nicht enttäuscht von mir, früher gegangen zu sein, denn der Schritt für mich selbst einzustehen und früher zu gehen war viel schwieriger, als einfach bis zum Ende durchzuziehen und die Zähne zusammenzubeißen. Für manche Menschen mag ein Vipassana-Kurs das beste Werkzeug zur Selbsterfahrung sein, auf meinem Weg hat es zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht gepasst.

Meiner Meinung nach gab es im Vipassana zu wenig Raum für Individualität und Rückzug. Der strikte Ablauf hat eigentlich keinen Moment erlaubt, alleine zu sein, außer wenn ich abends im Zimmer war, um schlafen zu gehen. Und das war, worauf ich mich vorab eigentlich gefreut hatte: ganz alleine mit mir selbst zu sein. Auch gesundheitliche Einschränkungen wurden eher belächelt, als ernst genommen, was meinem Vertrauen in die Lehrer geschadet hat. Bestimmt gibt es auch hier in anderen Zentren, mit anderen Lehrern und anderen Mit-Meditierenden ganz unterschiedliche Erfahrungen. Und wie immer hängt es auch von einem selbst ab.

Das alles ist aber nur meine persönliche Erfahrung, und Vipassana ist eine sehr intime Zeit, in der jeder ganz andere Dinge erfährt. Meine Erfahrung sagt also nichts darüber aus, wie es vielen anderen Meditierenden im Vipassana geht. Ich glaube, da muss jeder seine eigene Erfahrung machen.

Hast du schon mal einen Vipassana-Kurs gemacht? Wie ist es dir dabei ergangen, vielleicht ähnlich wie mir oder hast du ganz andere Lehren daraus mitgenommen? Ich freu mich über deine Erfahrungen als Kommentar bei Instagram.

Deine

Herzensmensch

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